Kurze Geschichte der Sexualmedizin
Deutschland gilt gewissermaßen als Geburtsland der Sexualwissenschaften.
1906 veröffentlichte der Berliner Hautarzt Iwan Bloch sein Buch „Das Sexualleben unserer Zeit.“ Bloch brach bewusst mit der Tradition pathologisierender Sexualkonzepte der damaligen Psychiatrie, indem er die menschliche Sexualität als biologisches und soziokulturelles Phänomen betrachtete. Er verstand den Menschen als bio-psycho-soziales Wesen.
1919 gründet Magnus Hirschfeld das weltweit erste Institut für Sexualwissenschaft, das jährlich etwa 18 Tausend Konsultationstermine vergab. Die Blüte der Sexualwissenschaft in Deutschland war leider nur von kurzer Dauer. Zusammen mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie z. B. der Psychotherapie fiel sie 1933 dem Nationalsozialismus zum Opfer. Die meist jüdischen Fachvertreter verloren nicht nur ihre Approbation sondern viele auch ihr Leben. Magnus Hirschfeld starb 1935 in Nizza im Exil.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete der amerikanische Biologe und Professor für Entomologie (Insektenkunde) und Zoologie Alfred C. Kinsey 1947 an der Universität von Indiana das „Institut für Sexualforschung“, das heutige „Kinsey-Institut“. Seine „Reports“ über das Sexualverhalten der Amerikaner (1948) und Amerikanerinnen (1953) lösten massive Auseinandersetzungen in den USA der McCarthy Zeit (1948-1956) aus.
Der Gynäkologe William H. Masters und die Psychologin Virginia E. Johnson zeichneten in den sechziger Jahren als erste systematisch Labordaten über sexuelle Reaktionen auf. Diese bildeten die Grundlage für eine neue Sexualtherapie. Sie haben gewissermaßen das Paar als Patient entdeckt. Helen Singer Kaplan modifizierte die „New Sex Therapie“(1974), indem sie analytische und verhaltenstherapeutische Elemente miteinander kombinierte.
Die Beachtung der kommunikativen Rolle von Sexualität und die damit verbundene Fokussierung auf psychosoziale Grundbedürfnisse nach Annahme, Nähe und Geborgenheit in der sexuellen Begegnung zweier Menschen führt zur entscheidenden Weiterentwicklung der syndyastischen Sexualtherapie durch Klaus M Beier und Kurt Loewit*
Nach dem Krieg wurde in Deutschland das erste Institut für Sexualforschung 1959 an der Universität Hamburg gegründet, das bis zu seinem Tod 1970 von Hans Giese geleitet wurde.
1973 entstand aufgrund eines Erlass des hessischen Kultusministers das Institut für Sexualwissenschaft an der Universität Frankfurt. Das Frankfurter Institut wurde trotz massiver Proteste aus wirtschaftlichen Gründen 2006 nach 33 Jahren geschlossen. Die Sexualmedizinische Ambulanz und die Bibliothek des Instituts wurden 2006 der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie zugeordnet. Die ebenfalls 2006 beschlossene Einrichtung einer Professur für Sexualmedizin ist bisher nicht erfolgt. www.kgu.de/zgw/sexualwissenschaft/
Das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité in Berlin wurde erst 1996, also 63 Jahre nach der Schließung des Hirschfeld’schen Instituts, gegründet. Es ist in letzter Zeit vor allem durch das Projekt „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld" bekannt geworden. Außer den genannten Einrichtungen gibt es in Deutschland noch die Sexualmedizinische Forschungs- und Beratungsstelle an der Universität Kiel. Während in den USA die Sexualmedizin Bestandteil jeder medizinischen Fakultät ist (Program in Human Sexuality) hat das Fach in Deutschland bislang noch nicht die ihm gebührende Anerkennung gefunden. Nennenswerte sexualmedizinische Lehrangebote finden sich nur an wenigen Universitäten in Deutschland. Nach der Änderung der ärztlichen Approbationsordnung wurde es möglich, an den Universitäten in Berlin (2004) und in Greifwald (2005) ein Wahlpflichtfach Sexualmedizin zu etablieren.
Trotz eines seit 1995 gestellten Antrages, jahrelanger Diskussionen, einhelliger Empfehlungen aller sexualwissenschaftlichen Fachgesellschaften und der seit 1997 stattfindenden zweijährigen curriculären sexualmedizinischen Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten wurde die Einführung der Zusatzbezeichnung „Sexualmedizin„ in die ärztliche Weiterbildungsordnung von der Bundesärztekammer abgelehnt. In vielen europäischen Ländern (z.B. Belgien, Frankreich, England, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Schweden, die Schweiz, Tschechien) gibt es hingegen universitäre Einrichtungen bzw. Ausbildungslehrgänge in Sexualmedizin/Sexuologie mit anerkannten akademischen Graduierungen.
Die Akademie für Sexualmedizin führt regelmäßig sexualmedizinische Weiterbildungsveranstaltungen und Kurse durch. Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite www.sexualmedizin-akademie.de der Akademie.
* Beier KM, Loewit U (2004): Lust in Beziehungen. Eine Einführung in die Syndyastische Sexualtherapie. Berlin: Springer.
